Behandlungsfelder bei Kindern

Phonetische Artikulationsstörungen (Sprechstörung) sind Abweichungen bei der Aussprache von Lauten bzw. Lautverbindungen aufgrund von sprechmotorischen Problemen. Bei Artikulationsstörungen wird ein Laut nicht oder falsch gebildet.

Phonologische Artikulationsstörungen (Sprachstörungen) betreffen den systematischen Gebrauch der Laute. Bei einer phonologischen Störung kann das Kind die Laute zwar korrekt bilden, verwendet sie aber nicht korrekt in ihrer bedeutungsdifferenzierenden Funktion (Beispiel: „ich tomme“ anstatt „ich komme“)

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS), auch auditive Verarbeitungsstörungen (AVS) genannt, sind Störungen der Weiterverarbeitung gehörter Informationen. Dabei liegt weder eine Störung des Hörorgans selbst, noch eine Intelligenzminderung vor. Die Störungen betreffen den Hörnerven. Der Hörnerv leitet die Informationen an das Großhirn weiter, die dann dort weiter verarbeitet werden. Der Prozess der Weiterverarbeitung wird in auditive Teilfunktionen unterteilt, die in unterschiedlicher Art und Ausprägung betroffen sein können. Zu den auditiven Teilfunktionen gehören: Lokalisation (Richtung und Entfernung der Schallquelle), Diskrimination (Unterscheiden), Selektion (Herausfiltern) und Dichotisches Hören (beidohriges Hören).

Autismus ist eine angeborene, tiefgreifende Entwicklungsstörung, die vor dem 3. Lebensjahr beginnt und sich in recht unterschiedlichen Symptomkombinationen und Ausprägungsgraden darstellt. Heute spricht man meist von “Autismus-Spektrum-Störung” (ASS) und unterscheidet immer seltener zwischen den Autismustypen “Frühkindlicher Autismus”, “Asperger Syndrom” und “Atypischer Autismus”.
Für alle Varianten gibt es übereinstimmende zentrale Merkmale, die sich drei Kernbereichen zuordnen lassen:

  • interaktives soziales Verhalten
  • sprachliche und körpersprachliche Kommunikation
  • Repertoire von Interessen, Aktivitäten und Verhaltensmustern.


Etwa 45 % der autistischen Menschen leiden unter einer Intelligenzminderung, während einige wenige hochbegabt sind (wie z. B. beim Asperger Syndrom). Alle Auffälligkeiten gehen auf Veränderungen in Aufbau und Arbeitsweise des Gehirns zurück. Diese führen dazu, dass von Autismus Betroffene zwischenmenschliche Abläufe und Zusammenhänge nicht durchschauen und sich schwertun, grundlegende soziale Handlungsmuster zu erlernen, z. B. Beachten und Verstehen der sozialen Signale anderer (wie Stirnrunzeln oder anerkennendes Nicken), Blickkontakt und Nachahmung und Herstellen eines geteilten Aufmerksamkeitsfokus (wie dem anderen etwas Interessantes zu zeigen).
Die ungewöhnliche Art des Lernens und Denkens wirkt sich auf das zwischenmenschliche Geschehen aus und führt zu beidseitigen Missverständnissen und Verunsicherungen.

Die Skala an Sprachstörungen ist sehr breit.
Etwa die Hälfte der autistischen Menschen spricht gar nicht oder kommuniziert in Ansätzen mit Hilfe stereotyper Wörter oder kurzer Sätze, auswendig gelernter Redewendungen (Floskeln) oder wörtlichem Wiederholen von gehörten Wörtern oder Sätzen (Echolalie).

Andere haben Schwierigkeiten hinsichtlich Artikulation, Wortschatz, Grammatik oder Erzählen. Wieder andere drücken sich zwar auf hohem Niveau aus, jedoch ohne die Regeln und Normen eines zwischenmenschlichen Dialogs zu berücksichtigen und z. B. darauf zu achten, ob der Partner noch am Thema interessiert ist.

Unabhängig davon, ob die Fähigkeit vorhanden ist, selber zu sprechen, ist auch das Verstehen von Sprache mehr oder weniger beeinträchtigt. Während manche Betroffenen die Wörter und Sätze rein sprachlich kaum verstehen, liegt bei den meisten das Handicap woanders: Sie können nicht zurückverfolgen, worauf ein Sprachkürzel wie “Noch mehr!” oder “Ja so was!” unausgesprochen Bezug nimmt, und was mit bildhaften Ausdrücken wie “Das junge Gemüse zuerst!” in der jeweiligen Situation gemeint ist. Darüber hinaus entgehen ihnen auch körpersprachliche Signale durch Gestik, Mimik, Haltung, Tonfall u.a., mit denen sprachliche Äußerungen verstärkt und Anliegen und Gefühle offenbart werden.

Beim Dysgrammatismus handelt es sich um eine Störung im Erwerb der Grammatik der Muttersprache. Er bezeichnet eine Teilproblematik einer kindlichen Spracherwerbsstörung, bei denen Kinder nicht in der Lage sind, morphologisch und syntaktisch Sätze entsprechend ihrer Bezugssprache und ihres Alters zu bilden. Es kommt zu Problemen im Satzbau, in der Anwendung grammatikalischer Regeln für die Zeiteinteilung, der Mehrzahlbildung, der Subjekt-Verb-Kongruenz, der Verbzweitstellung und der Dativ- und Akkusativmarkierung.

Im Kindesalter spricht man generell von einer Hörstörung, wenn ein Kind im Hauptsprachbereich d.h. zwischen 250-4000 Hz einen Hörverlust größer als 20 db aufweist.

Schalleitungsschwerhörigkeiten werden als Störung der Schallübertragung im äußeren Gehörgang und/oder Mittelohr definiert. Der Höreindruck ist mehr oder weniger stark gedämpft. Vorübergehende Schalleitungsstörungen aufgrund von Tubenfunktions-störungen, Paukenergüssen und Mittelohrentzündungen treten im Kindesalter häufig auf und können die Sprachentwicklung ungünstig beeinflussen.

Schallempfindungsschwerhörigkeiten sind bedingt durch eine Schädigung des Innenohres oder des Hörnerven aufgrund von Vererbung oder bestimmter Erkrankungen. Bei Kindern ist bei einer Schallempfindungsschwerhörigkeit anders als bei Erwachsenen meist das Hörvermögen über alle Frequenzen des Hauptsprachbereiches betroffen. Der Höreindruck ist nicht nur gedämpft, sondern auch in seiner Qualität verändert z. B. verzerrt.

Bei einer funktionellen Stimmstörung kommt es zu Veränderungen des Stimmklangs und Einschränkung der Leistungsfähigkeit der Stimme, ohne dass organische Veränderungen des Stimmorgans ersichtlich sind. Meist tritt die funktionelle Stimmstörung im Kindesalter mit hyperfunktionellen Komponenten (zu viel Spannung) auf. Dann klingt die Stimme heiser, rau, gepresst und angestrengt, manchmal auch behaucht und/oder aphon (tonlos).

Bei Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumen-Segel-Fehlbildungen (im Folgenden: LKGS-Fehlbildungen) ist die mündliche Kommunikation durch Veränderungen der Sprechatmung, des Stimmklangs und der Aussprache beeinträchtigen können.

Bereits im Säuglingsalter, vor allem in den ersten Lebenstagen, können unterschiedlich ausgeprägte Probleme beim Saugen, auftreten, die die Ernährung anfangs erschweren. Wenn die betroffenen Kinder zu lautieren und später sinnvolle Wörter zu sprechen beginnen, klingt der Stimmklang häufig hypernasal (Rhinophonie), oder auch rau, heiser oder überhaucht, wenn die Kinder ihre Stimmbänder zu stark beanspruchen. Der Schwerpunkt der Beeinträchtigung liegt auf der Aussprache.

Selektiver Mutismus bedeutet, dass Kinder unter bestimmten Bedingungen nicht sprechen können, in anderen Situationen aber altersgerecht sprechend kommunizieren. Begleitet wird die Störung häufig von sozialer Ängstlichkeit, Regulationsstörungen des Schlafes, der Nahrungs- und Ausscheidungskontrolle.

Schüchterne Kinder suchen aktiv nach Wegen, wie sie in einer für sie fremden Umgebung Vertrauen fassen können, sodass sie sich nach einer Eingewöhnungszeit allmählich öffnen. Im Gegensatz dazu verharren mutistische Kinder in ihrem Schweigeverhalten und entwickeln auch keine Strategien zur Anpassung an die neue Situation. Manche Kinder „erstarren“ auch in ihrem körperlichen Ausdrucksverhalten und in ihrer Mimik in auffälliger Weise, andere vermeiden auch alle Körpergeräusche wie Husten etc.

Rhinophonien (Näseln) sind Störungen des Stimmklangs und der Artikulation, die durch eine gestörte Nasenresonanz entstehen. Grundsätzlich wird zwischen offenem und geschlossenem Näseln unterschieden. Das offene Näseln wird daran erkennbar, dass zu viel Luft bei der Bildung von Lauten entweicht, während beim geschlossenen Näseln keine Luft über den Nasenraum entweicht, was insbesondere bei den Nasallauten (/m/, /n/ und /ng/) deutlich wird. Die Verständlichkeit der gesprochenen Sprache kann durch eine Rhinophonie bis zur Undeutlichkeit eingeschränkt sein.

Bei einer funktionellen orofazialen Störung handelt es sich um eine Störung der Muskulatur im Mund-Gesichtsbereich. Betroffen sind die Bewegungs- und Koordinationsabläufe sowie das muskuläre Gleichgewicht aller am Schlucken beteiligten Strukturen (Wangen-, Lippen- und Zungenmuskulatur).

Sprachentwicklungsstörungen (SES) betreffen die Kommunikation, das Sprachverständnis, den Wortschatz und die Laut-, Wort- und Satzbildung. Bei einer SES sind oft mehrere Bereiche gleichzeitig betroffen. Ein zu geringer Wortschatz kann zur Erschwerung der Störung beitragen, weil der Erwerb grammatischer Regeln wie z.B. die Verbkonjugation (ich singe, du singst, er singt …) voraussetzt, dass dem Kind genügend Wörter zum Trainieren der Regeln zur Verfügung stehen.

Kinder im bilingualen Erstspracherwerb lernen von Geburt an zwei Sprachen, quasi eine Mutter- und eine Vatersprache, wobei eine Sprache meist der Umgebungssprache entspricht. In beiden Sprachen durchläuft das Kind die gleichen sprachlichen Stufen, wobei sich beide Sprachen jedoch nicht im Gleichgewicht entwickeln müssen. Auch das Mischen der Sprachen ist nicht untypisch. Die Kinder im frühen Zweitspracherwerb wachsen meist bis zum Eintritt in die Kita überwiegend in ihrer Familiensprache auf, die nicht die Umgebungssprache ist. Dabei ist es nicht unüblich, dass diese Kinder die „neue“ Sprache vorerst nicht aktiv nutzen. Diese sogenannte „Schweigephase“ kann bis zu 6 Monate andauern.

Woran erkennt man nun mehrsprachig aufwachsende Kinder mit einer Sprachentwicklungsstörung (SES)?

Es gibt verschiedene Indikatoren, die eine verzögerte Sprachentwicklung vermuten lassen.

Die Art der grammatischen Fehler kann ein Indiz sein.
Es zeigen sich sprachliche Auffälligkeiten in allen Sprachen, die das Kind erlernt.
Auffällig ist, wenn das Kind nach 12 Monaten noch keinen Hauptsatz, wie „Paul isst eine Banane.“ produziert. (gilt für „frühen Zweitspracherwerb“)
Ein verspäteter Sprachbeginn in der Erstsprache (erste Wörter mit 18 Monaten oder später) kann ein Indiz auf eine SES sein.

Stottern beginnt meist im Alter zwischen 2 und 5 Jahren. Kinder, die stottern, verlieren für Momente die Kontrolle über ihr Sprechen.

Stottern äußert sich in Form von unfreiwilligen Wiederholungen (Ka-ka-ka-katze), Verlängerung von Lauten (Mmmmmmaus) und Blockierungen, bei denen die Sprechbewegung völlig „steckenbleibt“ (——–apfel). Diese Symptome werden Kernsymptome genannt. Zu den “Kernsymptomen” entwickeln manche Kinder Begleitsymptome, welche auffälliger sein können als das ursprüngliche Stottern.

Poltern zeigt sich in schnellem und / oder unregelmäßig (irregulär) schwankendem Sprechtempo. Es treten dabei Auslassungen, Verschmelzungen und artikulatorische Veränderungen von Lauten, Silben, Wörtern und Phrasen auf.